SIGNUM – SYSTEME

von Sabine Arlitt

Baumrinden haben Augen, Flechten kommunizieren, Schattenwürfe werden zu Trägern von Körpererweiterungen. Monika Feucht gibt den übersehenen Strukturen in den Dingen und Begebenheiten des Alltags zeichnend eine visuelle Stimme. Sie mischt Zeichensysteme neu auf.

Zug — Signalartig reagiert Monika Feucht auf kleinste Details, die sie in Heften skizziert und als Fundus sammelt. Zu gegebener Zeit können sie zu Auslösern oftmals als Gruppe realisierter Werke werden. <Signum – Systeme> heisst ihre Ausstellung, die sich über die verzweigten Räume auf den drei Etagen der Galerie Carla Renggli verteilt. Die Linie, die sich zur Fläche, zum Objekt, zur Installation und zum übergreifenden Verbindungsstrang weitet, zieht sich als bildnerisches Leitmotiv durch ihr vielgestaltiges und medial vielfältiges Schaffen. Die Linie im Beziehungsgeschehen von Verästelungen und kapillaren Vernetzungen wird zur Metapher für kommunikative Systemzusammenhänge und ihnen innewohnende Transformationen.

Für Monika Feucht wird die Zeit zum Werkzeug. Sie setzt in einer meditativen Versunkenheit und einer kräftezehrenden Arbeitsweise Strich um Strich auf das Papier von teils monumentaler Grösse. In einem nächsten Schritt reagiert sie auf punktuelle strukturelle Verdichtungen. Im Gegenzug zur digitalen Lebenswelt sucht sie den realen Kontakt mit Orten und Landschaften, organischen Fundstücken und Alltagsgegenständen: es handelt sich um ein Einwohnen, ein Anpassen im Sinne einer Verinnerlichung durch Berührung – die künstlerische Umsetzung verbindet sich mit einer philosophischen Denkhaltung. <Wo ich wirklich war> heisst eine fiktive Landschaft, die in Paris entstand, deren reale Verortung jedoch im engsten Umfeld von Monika Feuchts Wohnort Luzern zu finden ist. Ein Aufenthalt 2018 in Genua, im Atelier des Bildhauers Schang Hutter, hat vertiefte Reflexionen ausgelöst. Anders gelagert war diesmal das Einwohnen – Einsamkeit herrschte vor. Monika Feucht hat vor Ort auf das von Schang Hutter selbst entworfene Mobiliar reagiert und mit der Arbeit <Meubler sa Solitude> sich einen kokonartigen Entfaltungsraum geschaffen. Mit Gouache und Leuchtfarbe bemalt, schweben zwei Stühle und ein Tisch als Papierobjekte installativ vor einer Wand. Mit schnellem Strich und erstmals mit Chinatusche entstanden in Genua tagebuchartige Zeichnungen. Im Untergeschoss blicken die Besucher auf paarweise einander gegenübergestellte Tische, «gedeckt» mit wie Tischsets erscheinenden Zeichnungen, in deren Mitte weiss grundierte Suppenteller die Umgebung in ihrem Inneren spiegeln. Die Zahl der Tische in <La Cena - Mein täglich Brot> spielt mit der Anlehnung an das Abendmahl und thematisiert die Dringlichkeit künstlerischen Tuns. Signum wird zum Losungswort.

(Kunstbulletin 3/2021)



Das verborgene Innenleben kapillarer Hohlräume und Verzweigungen

Vernissageanpsrache

von Sabine Arlitt

Corona ist in aller Munde, das Virus ist da, jedoch bleibt es unsichtbar. Bedrohlichkeit geht für viele Menschen von Dingen aus, die sie nicht fassen können. Daneben gibt es aber auch viel positiv Geladenes, das sich unsichtbar im Verborgenen bewegt oder schlicht – mangels achtsamer Aufmerksamkeit – nur nicht gesehen oder einfach übersehen wird. Um diesen Reichtum geht es in Monika Feuchts Schaffen. Unter den herrschenden Hygienemassnahmen kann es gut sein, dass man beim Betreten der Galerieräumlichkeiten keinem anderen Besucher begegnet, für kurze Zeit gar allein im Raum ist. Vielleicht bietet die empfundene Leere – so paradox es klingen mag – gerade die idealen Bedingungen für ein hellhöriges Schauen und sinnenintensives Wahrnehmen. Ein kleiner kurzer Luftzug beim Öffnen der Eingangstüre genügt, um filigran ausgeschnittene Bleistift-Figuren in Bewegung zu versetzen und diese einen lebendig-geisterhaften Schattentanz ausführen zu lassen.

Eine andere Art von Einsamkeit herrschte vor, als Monika Feucht die kleine Werkgruppe der «Spiriti dei Marmi» entwickelt hatte. Sie war 2018 in einem Atelier in Genua, das ihr nur sehr beschränkt einen Blick in den Aussenraum gewährte, wodurch sie sich geradezu automatisch auf den Innenraum zu konzentrieren begann: etwa auf die Marmorabdeckung in der Küche. Je öfter und länger sie während der Küchenarbeit auf die Abdeckung blickte, desto intensiver begann sie figurenartige Wesen aus den Steinmaserungen herauszulesen, die sie schliesslich auf Papier übertrug.
Letztes Jahr entstand die grosse, zweiteilige, rund zweieinhalb auf dreieinhalb Meter messende Arbeit auf Papier mit dem Titel «Jardin Inconnu» – unbekannter Garten. Es gab diesmal keine konkrete visuelle Vorgabe, höchstens vage Erinnerungen; es gab allein die körperliche Dynamik und die momentane physisch-psychische Verfasstheit der Künstlerin im Augenblick des Zeichnens. Auf und ab zog Monika Feucht unzählige Bleistiftlinien, was eine Struktur mit individuellen Unregelmässigkeiten hervorbrachte. Es ereigneten sich Überlagerungen und Verdichtungen im strukturellen Gewebe, auf die Monika Feucht in einem nächsten Arbeitsschritt reagierte und so punktuell Angelegtes gleichsam zum «Erblühen» brachte. An einen hängenden Garten könnte man denken, der Flora und Fauna eine ihrem Wesen gemässe Lebensgrundlage schenkt. Die lineare Struktur wird bevölkert, wächst von innen heraus.

Bevölkern bedeutet auch bewohnen, sich füllen, als Heimat haben. Die anfangs in Genua empfundene Einsamkeit füllte Monika Feucht aus, indem sie sich quasi ihre eigene seelische Möblierung schuf. Sie reagierte auf das vorhandene Mobiliar, das sie sich zeichnend ihrer persönlichen Verfasstheit anverwandelte und so weit abstrahierte, verfremdete und entmaterialisierte, bis es eine sie gleichsam tragende Gestimmtheit ausstrahlte. Die Objekt-Wandinstallation «Meubler sa Solitude» schälte sich heraus und wandelte sich für Monika Feucht zu einer kokonartigen, Geborgenheit schenkenden Schalung. Diese «Schalung» wiederum diente gleichsam als Gussform für neuartig ausgerichtete kreative Prozesse.

Das Bedürfnis, sich selbst mehr Gehör zu schenken, sich selbst als individuelles Seelenwesen stärker während des Bildentstehungsprozesses in Erscheinung treten zu lassen, scheint in Genua deutliche Spuren gezeitigt zu haben. Monika Feucht kaufte sich Chinatusche, ein Arbeitsmaterial, mit dem sie zuvor noch nicht gearbeitet hatte. Mit schnellem Strich hielt sie, was ihr im Alltag begegnete, tagebuchartig fest: ein Kleid, einen Ast, Tische und Stühle, einen Herd, ein Fenster. Im Weiteren entstand die Serie «La Cena», eine aus 13 Zeichnungen bestehende Werkreihe mit gezeichneten Suppentellern, in denen sich im Zuge einer spontanen und momenthaften Entdeckung «kleiner Welten» der Innen- und Aussenraum spiegeln. Alles geht ineinander über, ist verzerrt und steht kopf. In der Galerie von Carla Renggli sind die wie Tischsets realisierten Zeichnungen auf kleinen, einander jeweils paarweise gegenübergestellten Tischchen installiert. Mit «La Cena – Mein täglich Brot» ruft Monika Feucht auch das Abendmahl in Erinnerung. Doch nicht der religiöse Aspekt steht im Vordergrund, vielmehr die Tatsache, mit welcher Dringlichkeit künstlerisches Tun als auf die Existenz bezogenes Handeln zu tun hat.

Wiederholte Male zog es Monika Feucht an den Strand der am Ligurischen Meer gelegenen Stadt. Dort sammelte sie allerlei organische Fundstücke, welche die Wellen angeschwemmt hatten. Fundstücke sammelt die Künstlerin schon seit Jahren, ihr Luzerner Atelier erzählt zahlreiche (ungeschriebene) Geschichten, doch damals in Genua war einiges anders als sonst. Die Schattenwürfe der Fundstücke ähneln wesenhaftem Getier. Vor allem die faserigen Ausläufe wecken Assoziationen an Nervenzellen und Wimpern, an Bindegewebe und federartige Strukturen. Die organischen Fundstücke wurden für Monika Feucht «zu Tieren, Wesen, welche mein Inneres berührten und kitzelten». Der Tuschefluss des Getiers verwandelte sich gleichsam zum dialogisierenden Spiegelbild ihrer Emotionen. «Anima Animale» nennt sie die Gruppe dieser Tuschzeichnungen, die jeweils von Verdoppelungen geprägt sind, ohne dass diese gänzlich deckungsgleich wären. «Anima und Animale, zusammenfügen, was zusammengehört!», schreibt Monika Feucht dazu. Berührungsmomente werden über die visuelle Vermittlung emotional transportiert und körperlich spürbar gemacht.

«Signum – Systeme» heisst die Ausstellung. Die verwinkelten, über drei Etagen verteilten Räumlichkeiten der Galerie bilden ein für Monika Feuchts Schaffen geradezu idealen Ausstellungsort, da unterschiedlichste Werkgruppen in getrennten Räumen, gleichsam in Nischen und Kabinetten, präsentiert werden können und gleichzeitig durch die miteinander eng verbundenen Raumfolgen die innere Verbundenheit der Arbeiten anschaulich zum Tragen kommt. Das grosse schmale Hochformat «Signum Systema», gut zweieinhalb auf knapp einen Meter messend, mutiert zum Sinnbild der ganzen Ausstellung. Ein darinnen wirksames lineares Verbindungssystem trägt den Verweis auf ein Kommunikationssystem in sich. Während eines dreimonatigen Atelierstipendiums der Fondazione Casa Atelier Bedigliora war Monica Feucht oft in den Wäldern des Malcantone unterwegs. Sie, die im Alltag geradezu signalartig auf kleinste Details reagiert, war beeindruckt vom Erscheinungsbild des Pilzbefalls an den Bäumen, begeistert von den raffinierten Verbindungssystemen, die sich beinahe schmückend über die Stämme ausbreiteten. Drei Jahre später setzte sie auf ihre persönlich modifizierte und abstrahierende Art das einst Erlebte im Atelier in Luzern um.

Ein Organismus lebt entscheidend von Erregungsleitungen und Botenstoffen – von Informationsübertragung. Auch das gesellschaftliche System basiert auf Austausch. Verständigung ist ein Kommunizieren mit Zeichen. Monika Feucht setzt Zeichencodes auf intuitiv-spielerische Art einem Wechselbad der Emotionen und Wahrnehmungsinhalte aus. Neben dem Gesehenen in der Natur bilden Pressebilder einen zentralen Fundus für ihr Schaffen. Sie reagiert auf Kernstrukturen des Abgebildeten, filtert darauf Komponenten heraus, die sie nicht selten grafisch stilisiert, um schliesslich mit den gleichsam entkoppelten Elementen neue Figuren-Wesen und Gebilde – neue Zeichen – zusammenzusetzen. Bedeutungen erhalten eine neue Bedeutsamkeit: eine ausgedehnte Tragweite.
«Bête de Somme» (Lasttier, Tragtier) nennt Monika Feucht eine Gruppe von Objekten. Bei diesen in den Raum greifenden, linear-dreidimensionalen Arbeiten hat sie einzelne Ästchen mit Gaze umwickelt, miteinander vernäht und schliesslich mit weisser Gouache bemalt. Die Objekte erscheinen als zeichnerische Körper-Wesen, die aufgrund ihrer Vielgliedrigkeit wirken, als ob sie sich jeden Moment fortbewegen und weiterziehen könnten. Die kleinen Gebilde dienen der Künstlerin als Träger ihrer künstlerischen Ideen. Eines dieser Objekte ist in Bronze gegossen, ein für Monika Feucht neues Material, das zu weiteren Experimenten einlädt.

© Sabine Arlitt, Zürich, Februar 2021